LONELY CROWD

Das Leben ist kalt. Zumindest ist es das für die Spieler des Theaterprojekts „Lonely Crowd“, die sich in der Garküche der Ledeburkaserene auf die Spur des Romans „Das Eis“ von Vladimir Sorokin gemacht haben.

Denn die zehn Kilo Eiswürfel werden im Verlauf des einstündigen Literaturspektakels aufgerieben. „Das Eis“, ein Roman von Vladimir Sorokin, war Ursprung des studentischen Projekts. Es ist die Geschichte eines Sektenartigen Zusammenschlusses aus 23 000 Lichtstrahlen, die - wenn sie wieder zueinander finden - die Erde zerstören werden. Zwölf dieser Auserwählten sind in der Garküche hängengeblieben und setzten sich nun in Töpfen und Friteusen hockend mit ihrem vergänglichen Material auseinander. Das gefrorene Wasser wird von den sechs leicht bekleidetetn Spielern umarmt, gelutscht, bespielt, geworfen, gedreht, gepresst, betreten, geschüttelt. Das Spiel ist schwere körperliche Arbeit. Die Geräusche der Eiswürfel auf dem Metall sind beeindruckend.

 

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, Mai 2006.

 

Lonely Crowd

Sechs von 23.000. Versprengte Auserwählte, denen mit einem Hammer aus Eis das Herz aufgeklopft wurde, haben sich in einer verlassenen Großküche abgeschottet. Während sie auf das große apokalyptische Leuchten warten, erinnern sie sich: An das Leben unter Fleischmaschinen, an das erste Wort aus ihrer verstockten Brust, das lange Weinen und die Zwiesprache mit einem anderen Herzen ihrer Art. Die Bruderschaft der Herzen, nach V. Sorokins Roman Ljod das Eis, ist die Basis für einen Einblick in die Innenwelt eines absoluten Kollektivs. Dem fragwürdigen Pathos und der gefühllosen Praxis dieser Herzensgeschwister werden blutige Fleischherzen, dionysische Weinmengen und ein Spiel zwischen PerformerInnen-Identität und maskierter Gleichheit an die Seite gestellt. Doch das Eis schmilzt und jede Ideologie hat ihre Halbwertszeit. Die zukünftigen Kollektiv-Erfahrungen stammen von NutzerInnen eines neuen Wellness-Sets. Die Werbeformat-Erfahrungen mit dem Produkt klingen seltsam vertraut von den Laptopoberflächen der DarstellerInnen, doch im Kontrast zur Bruderschaft verspricht das Surrogat Erweckung für jeden: gewaltfrei und jederzeit konsumierbar. Ideologie total oder Kollektiv light?

 

VON UND MIT: Anne Bonfert, Verena Lobert, Vanessa Lutz, Malte Pfeiffer, Margret Schütz, Katharina Vössing, Carmen Waack. SOUND: Jacobus Thiele. VIDEO: Andreas Albrecht.

 

Gefördert vom Institut für Medien und Theater und dem Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation der Stiftung Universität Hildesheim.

PRESSESTIMMEN

Nach dem Roman Ljod das Eis von Vladimir Sorokin

 

„EINS: Mein Herz ist rein.

ZWEI: Das werden wir ja sehn.“

Heiner Müller: Herzstück

 

Narrative Site-Specific-Performance in der Garküche

Premiere am 29. Juni 2006 beim Transeuropa-Festival 2006 in der Ledeburkaserne Hildesheim