FREISCHWIMMEN! MIT MEDEA IM BLUTBAD

Medeafragmente nach Heiner Müller und Hans Henny Jahnn

Medea ist die antike Serienmörderin am eigenen Fleisch und Blut schlechthin. Ihre Taten sind unfassbar: den Bruder zerstückelt, die Geliebte ihres Mannes verbrannt und ihre Kinder erstochen. Der Medea-Mythos ist für die vorwiegend männlichen Autoren seit der Antike ein Vexierbild, in dem sie bedrohliche Weiblichkeit festschreiben können. So bekam Medea viele Rollen auferlegt: Göttin, Priesterin, Zauberin, Hexe, Vaterverräterin, Heilerin, Barbarin, Fremde, Furie und bedingungslos Liebende. In einem Efeu-überwucherten Swimming-Pool erinnern sich drei Performerinnen, ein Medea-Kollektiv, in Körper- und Sprechakten an Bruchstücke des Mythos. Sehnsucht nach der Fremde, Eifersucht und Jason als Projektionsfigur der eigenen Liebes- und Hassträume begegnen die Darstellerinnen mit gewalttätigen und selbstzerstörerischen Handlungen. Heiner Müllers Medeamaterial von 1984 und Hans Henny Jahnns Medea-Tragödie von 1926 bilden die vertonte Textlandschaft, in der sich die Frauen bewegen. Müllers Medea verneint die patriarchalen Ordnungssysteme und verortet sich selbst in der „leeren Mitte“: „Ich kein Weib kein Mann“. Jahnns Medea stürzt aus versagter Liebe und Sexualität ihre Welt um sich herum ins Chaos, ins Nichts. Apokalypse Now.

VON UND MIT: Anne Bonfert, Melanie Hinz, Vanessa Lutz, Kathrin Weber-Krüger. AUSSTATTUNG: Tinu Lewers. Sound: Andreas Kreichelt. Dramaturgie & Theaterfotografie: Verena Lobert

 

Gefördert vom Institut für Medien und Theater und dem Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation der Stiftung Universität Hildesheim

PRESSESTIMMEN

Der wohl extremste Teil des Spektakels trägt den Titel „Freischwimmen! Mit Medea im Blutbad“. Drei Studentinnen gehen in einem alten, von Efeu umrankten Swimmingpool bis an die Grenzen der Erschöpfung.

Das Wasser ist knöcheltief, rücklings liegt eine dreifache Medea darin, umgeben von lauter Puppenkörperteilen, die in Plastikbeutel eingeschweißt sind.

Ein stummer, gruseliger Anblick, den eine Klangcollage mit fröhlichen Seemannsliedern kontrastiert. Dann kommt Leben in die Medea, wahnhaftes, zombieartiges Leben. Den Bruder hat sie auf dem Gewissen, ihre Kinder umgebracht, den Tod vieler anderer verschuldet. Eine Darstellerin kopuliert mit einem Puppenkopf (ein Seitenwink Richtung Dutroux?), eine andere trinkt Wasser aus den Beuteln mit den Gliedmaßen, bis sie sich erbricht. Fliehen? Nein, es gibt kein Entkommen von der eigenen Vergangenheit.“

 

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, Juli 2004.

„So beleuchtet beispielsweise "Freischwimmen! Mit Medea im Blutbad" eine Medea, die nicht dem traditionellen, von männlichen Autoren transportierten Bild der  bedrohlichen Weiblichkeit entspricht. Um Medeas Kampf zu verdeutlichen, gingen die drei Schauspielerinnen auch körperlich an ihre Grenzen und bewegten sich im alten, mit Efeu behangenen Pool die ganze Spielzeit über in eiskaltem Wasser.“

 

TAZ 06.07.2004


„Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken,

eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da,

den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.“

Christa Wolf: Medea Stimmen


Eine audiovisuelle Site-Specific Performance im Swimming-Pool